
Expressionistische Konzept der Weltliteratur
2[Goethe prägt] das supranationale Selbsverständnis der Expressionisten.1 Sein Konzept der « Weltliteratur »2 erlebte im Expressionismus eine Rezeption, die in der Forschung bis heute unbeachtet blieb3 und im Folgenden genauer profiliert werden soll.
‚Weltliteratur‘ und ‚Weltpoesie‘
3Im Expressionismus lassen sich zwei unterschiedliche Semantiken des Weltliteratur-Begriffs unterscheiden, die sich beide von Goethe herleiten. Der Terminus wurde zum einen retrospektiv eingesetzt, im Sinne dessen, was Goethe als ‚Weltpoesie‘ bezeichnet.4 Die Voraussetzung dafür lieferte Goethes Konzeption von Literatur als einem „universalen anthropologischen Vermögen“5 und als „Gemeingut der Menschheit“.6 Als ein internationaler und polyphoner Literaturkanon setzt sich ‚Weltliteratur‘ in dieser Auffassung auf den einzelnen Nationalliteraturen zusammen und umfasst das Wertvolle aus der heterogenen Literaturproduktion verschiedener Völker und Zeiten.
4In einem anderen Sinne, der sich Goethes eigener Verwendungsweise eher annähert, wurde ‚Weltliteratur‘ dagegen prospektiv verwendet, für eine noch nicht vorhandene, transnationale Literaturproduktion, die aus einem kosmopolitischen Austausch zeitgenössischer Literaten hätte entstehen sollen. Mit dieser Kategorie umschreibt Goethe eine nicht mehr national gebundene, sondern aus einem übernationalen Geist geschaffene Literaturproduktion, welche die durch des technischen Fortschritt ermöglichte Vernetzung der Kulturen einlöst. In diesem prospektiven Sinne verwendete er den Begriff im Gespräch mit Eckermann vom 31. Januar 1827: „Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit, und jeder muß jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen.“7 Die Idee von Weltliteratur, von Goethe bei der Lektüre der Zeitschrift Le Globe erarbeitet,8 wird von ihm zuweilen von der Kategorie der Weltpoesie auch ausdrücklich abgegrenzt.9 Sie ist kein Kanon des national Wertvollen, sondern ein Kanon des international Relevanten. Von der „schon lange“ existierenden Kenntnisnahme der Literatur-Nationen untereinander unterscheidet Goethe somit sein Verständnis von Weltliteratur, indem er sie als soziales Netzwerk der „lebendigen“ Literaten auffasst und als das Resultat ihres gemeinsamen „gesellschaftlichen“ Wirkens. Als solche ist Weltliteratur im Unterschied zur retrospektiven Weltpoesie prospektiv. Sie ist noch verwirklicht und wird von Goethe gleichermaßen als Ideal verstanden. Als Konzept trägt sie vom gegenwärtigen Aneinander-Rücken der Nationen Rechnung. Sie ist die Konsequenz aus der Entstehung eines Weltmarktes10 und eines globalen Kommunikationsraums11 und gibt sich als die literarische Kristallisation der universellen Mobilität und Vernetzung der Moderne zu erkennen.
Weltliteratur und Weltpoesie im Ersten Weltkrieg
5Mit den Sondernummern seiner Zeitschrift Die Aktion bemühte sich Franz Pfemfert um eine implizite, pazifistische Aktualisierung von Goethes Konzept im Sinne einer Dialogizität der europäischen Gegenwartsliteratur. Gewidmet waren diese Hefte auf demonstrative Weise gerade den Ländern, mit denen sich Deutschland im Krieg befand: Russland, Großbritannien, Frankreich, Belgien und Italien.12 Sie erschienen mitten im Krieg, von Oktober 1915 bis Mai 1916, und waren als Anthologien angelegt, in denen die zeitgenössischen Schriftsteller der europäischen Auslands in deutscher Übersetzung zu Wort kamen. Jedes Heft wurde ferner von einer „Notiz“ des Herausgebers Pfemfert begleitet, welche dem Leser weiterführende Literaturangaben und Übersetzungshinweise zu weiteren, selbständigen Vertiefung an die Hand gab. Wiewohl auf das europäische Ausland begrenzt und ohne explizite Bezugnahme auf Goethe entsprach Pfemferts publizistische Unternehmung durchaus dem Geist von Goethes Konzept, indem sie das Netwerk der „lebendigen“ Literaten Europas auf subversive Weise gerade in einer Zeit aufrechtzuerhalten versuchte, als es vom Krieg und von der Kriegspropaganda zerrissen worden war.
6Gewidmet war das erste Oktober-Heft der Aktion von 1915, das die ‚Länder-Sondernummer‘ eröffnete, dem Gedächtnis des nur fünf Jahre vorher verstorbenen Tolstoi.13 Die Nummer veröffentlichte u. a. dessen Essay über die — in Deutschland gerade stärksten Zensureingriffen unterworfene — „öffentliche Meinung“ als „Resultante aller moralischen Kräfte eines Volkes“14 und brachte auch Texte von Gegenwartsschriftstellern wie Alexander Blok (die Gedichte Der Spuk und Ich erwache) und Andrei Bely (die Kurzerzählung Newski-Prospekt). Das Heft zierten Holzschnitt-Porträts des polnisch-jüdischen Graphikers Marcel Słodki (Tolstoi, Puschkin und Dostojewski).15
7Am 20. November 1915 erschien das Heft „England“.16 Franz Pfemfert widmete es Earl Loreburn und Lord Courtney, die im britischen Oberhaus gegen den Kriegseintritt Großbritanniens gesprochen hatten. Neben retrospektiven Beiträgen kamen auch Gegenwartsschriftsteller wie William Butler Yeats, Gilbert Keith Chesterton und Rupert Chawner Brooke zu Wort. Auch bildende Künstler, namentlich die beiden schottischen Koloristen Samuel John Peploe, und John Duncan Fergusson sowie die englische Vortizistin Jessica Stewart Dismorr, wurden mit eigenen Arbeiten vorgestellt.17
8Das Frankreich-Heft, das am 4. Dezember 1915 erschien,18 brachte außer den Symbolisten (Mallarmé, Verlaine, Laforgue, Schwob) auch — für den Expressionismus zentrale — Gegenwartsautoren wie Francis Jammes und Paul Claudel, zusammen mit André Gide, Léon Bloy, André Suarès und dem von Pfemfert als Gegenwartsschriftsteller charakterisierten Stendhal. Auch die Frankreich Nummer war intermedial angelegt, zeigte Einblicke in das Schaffen von Picasso, Henri Matisse, André Derain und Othon Friesz, und war mit Schriftstellerporträts von André Rouveyre (Bergson, Paul Claudel, Leon Bloy, André Gide) geziert.19
9Pfemfert bedachte schließlich auch Belgien und Italien mit einer Sondernummer seiner Zeitschrift. Das Belgien-Heft erschien am 5.Februar 1916,20 etwa 18 Monate nach dem deutschen Überfall des neutralen Belgiens. Darin liegt vermutlich der Hintergrund von Pfemferts Entscheidung, das Heft mit einem Holzschnitt von Georges Minne zu eröffnen, der die Überschrift Trauer trägt. Am Belgien-Heft hatten Maeterlinck, Max Elskamp, Charles de Coster, Théodore Hannon und der damals im englischen Exil lebende Großstadtdichter und Pazifist Émile Verhaeren Anteil, dessen Pamphlet La Belgique sanglante schon erschienen war.21
10Am 19. Februar 1916 erschien schließlich die Italien-Sondernummer, die dem Futurismus gewidmet war. Der programmatische Pazifismus, der Pfemferts Weltliteratur-Konzept leitete, führte in diesem Fall zu einer entsprechenden Manipulation der futuristischen Literatur. Das antiösterreichische und bellizistische Pathos, das Marinettis Futurismus bereits vor dem Krieg prägte, kam in der Aktion nicht vor. Im Vordergrund des Heftes standen Paolo Buzzi22 sowie gemäßigte Futuristen sui generis Aldo Palazzeschi und Corrado Govoni. Die bildenden Künstler Medardo Rosso, Luigi Baldo und Ardengo Soffici wurden ebenfalls mit eigenen Werken vorgestellt.23
11Dass im Ersten Weltkriegs die Kategorie der Weltliteratur allerdings auch in den Dienst des bellizistischen Diskurses genommen werden konnte, belegt das Beispiel von Wilhelm Herzog. Aktualisierte Pfemfert die Weltliteratur-Idee vor dem Hintergrund des Weltkriegs im pazifistischen Sinne, indem er in seiner Zeitschrift dem gefährdeten internationalen Netzwerk der europäischen Gegenwartsliteratur Unterschlupf gewährte, so trug die von Wilhelm Herzog herausgebene und in Einzellieferungen erscheinende Welt-Literatur-Anthologie24 einen ganz anderen Charakter. Dies betrifft nicht nur ihre Anlage als retrospektiver Kanon der ‚Weltpoesie‘, sondern auch ihre nur vordergründige Internationalität. Von den zwischen 1915 und 1917 in Herzogs Welt-Literatur veröffentlichen 97 Werken (meist Erzählungen oder Roman-Auszüge) stammt nur ein Drittel aus dem europäischen Ausland, nämlich Frankreich und Russland.25 Bei den restlichen Texten handelt es sich um Werke aus dem Fundus der deutschen Literaturgeschichte, der somit einen weltliterarischen Führungsanspruch zugeschrieben wurde.26 Darin zeigt sich, dass die Kategorie von Weltliteratur im Krieg auch als ein Multiplikator und Katalysator nationalliterarischer Hegemonialansprüche dekliniert werden konnte.27
12[…]
Spätexpressionistische Weltliteratur-Konzepte im Zeichen Goethes: Klabunds Geschichte der Weltliteratur (1922)
13[Klabunds Geschichte der Weltliteratur in einer Stunde (1922) versuchte auch] die Weltliteratur-Idee einzulösen, allerdings in Medium der Literaturgeschichte.28 Obwohl der retrospektive Standpunkt an Goethes Weltpoesie erinnert, öffnete Klabund sein Kanon hin zur Gegenwart und schuf somit eine Synthese zwischen den Konzepten von Weltpoesie und Weltliteratur. […]
14[Klabund berief sich] ausdrücklich auf Goethe und eröffnete seine Geschichte der Weltliteratur in einer Stunde mit einem Zitat aus dem Weltliteratur-Gespräch:
„Wenn wir Deutschen nicht aus dem engen Kreise unserer eigenen Umgebung hinausblicken, so kommen wir gar zu leicht in einen pedantischen Dünkel. Ich sehe mich daher gern bei fremden Nationen um und rate jedem, es auch seinerseits zu tun. Goethe.“ 29
15Die Vermittlungsmission der Deutschen untermauerte Klabund ferner mit Hilfe eines Hoffmannsthal-Zitats, das die Deutschen als „Volk der Mitte und der Vermittlung“ bezeichnet:
„Wir sind Deutsche,“ sagt einmal Hoffmannsthal, „und unserer Sprache, die ja unser Schicksal ist, ist dies Merkmal gegeben, daß in ihr wie in keiner die geistigen Schöpfungen anderer Völker in ihrer Herrlichkeit wieder auferstehen und ihr eigenstes Wesen offenbaren können, wodurch wir als das Volk der Mitte und der Vermittlung auserlesen und beglaubigt sind.“ 30
16Wurde der Weltliteratur-Gedanke von Pfemfert pazifistich […] fundiert, so erhält bei Klabund eine pseudoreligiöse Färbung, die dem „neuen Irrationalismus“ der Zwanziger Jahre entspricht.31 Die Argumentation gegen den Literatur-Nationalismus32 ist nicht mehr pazifistich […], sondern mystich-religiös. Als „untrüglicher Beweis für das Dasein Gottes“33 und als „mystiches Gebäude“, das die Nationalliteraturen überwölbt, repräsentiert die Weltliteratur jetzt ein Monument der Universalität der „Seele“ über die nationalsprachlichen Differenzen hinweg, als Kreuzungspunkt der „seelischen Strömungen“,34 die von den einzelnen Literaturen transportiert werden. In der Nachfolge Walther Rathenaus35 und der Expressionisten36 konzipiert auch Klabund die „Seele“ als göttliches inneres Leben in der entgötterten Moderne. Im Unterschied zum zweckgerichteten Intellekt zeichne sie sich durch zweckfreies Für-Sich-Sein aus.37 Wird die Seele auf diese Weise zum Surrogat für das Absolute in einer entzauberten Welt deklariert,38 so veranschaulicht ihrerseits gerade die Weltliteratur, als Sammelbecken und Fundus der seelischen Strömungen der Einzelliteraturen, die grenzenlose Universalität der „Seele“.
17Vor diesem Hintergrund differenziert Klabund zwischen der nationalen und der supranationalen Komponente jeder Literatur. Ist die nationale Dimension des Literarischen an die Sprache gebunden, so verkörpert die — offenbar sprachunabhängige — „seelische Strömung“ dagegen das transnationale Potential einer Volksliteratur. Sie liefere den Beweis für die Unmöglichkeit, Literaturen — und religiöse Konfessionen — artifizielle voneinander abzugrenzen:
Die Dichtung jedes Volkes ist national und übernational zugleich. National in dem Sinn, daß sie auf der Sprache beruht: dem eigensten, was ein Volk schaffen kann. Übernational, indem sie seelische Strömungen, die von anderen Völkern kommen, aufnimmt, staut, für sich verarbeitet und weiter gibt. Engstirnige Patrioten wollen die Völker voneinander abschließen. Ein solcher Abschluß würde nur die seelische Verkümmerung und Verkrüppelung eines Volkes zu Folge haben; abgesehen davon, daß er kaum möglich ist. Wir sehen heute alle Völker der Erde sich gegen den Bolschewismus wehren, mit den verzweifelsten Mitteln. Trotz geographischer und geistiger Blockade hat er aber eine Wirkung getan, die aus der Geschichte unserer Zeit nicht mehr wegzudenken ist. Die reiche deutsche Literatur des Mittelalters ist ohne den Einfluß der französischen Troubadoure (die heutige ohne Flaubert und Dostojewski), die englische Literatur ohne die Italianer, die italianische ohne den Einbruch des deutschen Blutes in Italien (Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen: der auch der erste Dichter in italianischer Sprache und vielleicht der Erfinder des Sonettes war), Goethe ohne die Antike nicht vorstellbar. […] Selbst die Bibel wäre nichts ohne die indischen Mythen, die über Ägypten den Weg nach Jerusalem fanden. Und Christus wandelt in den Spuren Krischnas. Wir wollen unser geistiges Auge öffnen und es den Sonnenstrahlen aller Kulturen darbieten39.
18Seine Grundierung erhält der Weltliteratur-Gedanke bei Klabund durch die expressionistische Kulturkritik. In seinem in Aktions-Verlag erschienen Buch Europa und Asien hatte der expressionistische Kulturkritiker Theodor Lessing bereits 1918 für eine Reorientierung der westlichen Kultur an Asien plädiert.40 Hintergrund der Argumentation Lessings war eine tiefe Desillusion über die europäische Kultur41. Die selbstzerstörerische Dynamik des europäischen Nationalismus veranlasste Lessing zu einer Generalabrechnung mit den Aporien der europäischen Kultur. Der Machtgedanke, die Technisierung und die Reduktion der Natur zum Substrat der Beherrschung erweisen sich in Lessings Diagnose nicht als Nebeneffekte, sondern als Grundtendenzen der europäischen Kultur, die im Weltkrieg bis zu ihrer letzten Konsequenz getrieben wurden. In diesem Kontext tiefgreifender Europa-Skepsis idealisierte Lessing — unter Berufung auf Schopenhauer42 — Asien als friedlichen Antipoden des belizzistischen Westens. Nicht Herrschaft und materialistische Gier, sondern Selbstbescheidung und Verachtung der irdischen Güter sind die Werte, die Lessing mit dem östlichen Kulturraum in Verbindung bringt43. Der europäische Wille zur Macht steht der asiatischen Erlösung vom Willen gegenüber. Dem Außer-Sich-Sein des Europäers, der im Besitz und Reflexionsdrang sich selbst
19verliert, antwortet das In-Sich-Sein des Asiaten, der eine noch wesenhafte Existenzform repräsentiert: „Asien schlummert ganz im sicheren Sein, während Europa immer den Sinn und Bedeutung des Seins besitzen will und darüber sein Wesen verliert“.44
20Die Hochschätzung der östlichen Literaturen in Klabunds Weltliteratur Konzept, sein Interesse für die indische,45 die chinesische46 und die japanische Literatur47 ist offenbar Theodor Lessings Kulturphilosophie verpflichtet. In Lessings Nachfolge führt auch Klabund die Dichotomie zwischen West und Ost auf eine universelle Polarität zweier konträrer anthropologischer Typen zurück, wobei der östliche eine mystisch-magische und der westliche eine rationalistisch-instrumentelle Beziehung zur Weit verkörpere:
Das östliche Denken, wie Laotse es denkt, ist ein mystisches, ein magisches Denken, ein Denken an sich. Das westliche Denken ist ein rationalistisches, empirisches Denken, ein Denken um sich, ein Denken zum Zweck. Der östliche Mensch beruht in sich und hat seinen Sinn nur in sich. Seine Welt ist eine Innenwelt. Der westliche Mensch ist „außer sich“. Seine Welt ist die Außenwelt. Der östliche Mensch schafft die Welt, der westliche definiert sie. Der westliche ist der Wissenschaftler, der östliche ist der Weise, der Helle, der Heilige, der Wesentliche […].48
21Ferner versucht Klabund, durch seinen Orientalismus auch das historische Trauma von Kriegsniederlage und Versailler Vertrag zu verarbeiten. Explizit ist das Rückgriff auf Gandhis Konzept vom passiven Widerstand als dem einzig beschreitbaren Weg für Deutschland, um sich aus den „Ketten der Entente“ zu befreien,49 und ebenso zentral die Aufwertung des Taoismus,50 mit dem sich Klabund in diversen Übersetzungen zu Beginn der Zwanziger Jahre auseinandersetzte51 und den er der erniedrigten Nation als angemessene Geisteshaltung ans Herz legte. Schon 1919 hatte Klabund seine Landsleute dazu aufgerufen,52 die Schuld am Krieg innerlich zu akzeptieren und die Strafen, die Deutschland von den Siegermächten auferlegt wurden, zu tragen. Aus dem Deutschen hätte der „Chinese Europas“ werden sollen53. Gemäß dem Diktum des Tao-Te-King „Der Welt Allerweichstes überwindet der Welt Allerhärtestes“54 sollte gerade das besiegte Deutschland am Ende als der moralische Sieger hervorgehen: „Das zarte Herz überwindet die härteste Herrschaft“.55
22Klabunds Weltliteratur-Geschichte [ist auch] von der Poetik der Avantgarde geprägt. Fast alle ausländischen Autoren/-innen, die im Expressionismus rezipiert wurden, kommen bei ihm vor — angelangen mit August Strindberg, der mit einem hymnischen Preis bedacht wird.56 Allerdings lässt sich auch in Klabunds ,Weltliteratur‘-Entwurf genau […] eine — spiegelbildliche — nationalliterarische Präokkupation erkennen. Nicht nur macht Klabund aus seiner Irritation gegenüber der französischen Europa-Rhetorik von Pierre Jean Jouve und Marcel Martinet keinen Hehl.57 Der französischen Kultur schreibt er ein grundsätzliches Unverständnis des Expressionismus zu58 und verwandelt Romain Rolland, Henri Barbusse, Paul Claudel und Francis Jammes schlechterdings in „deutsche Franzosen“:
Romain Rolland, der den Roman des deutschen Musikers Johann Christoph schreibt, Henri Barbusse, mit seinem Schützengrabenroman „Feuer“, Paul Claudel, Francis Jammes: das sind eigentlich deutsche Franzosen. Wie Charles de Coster flämisch in französischer Sprache schreibt, so schreiben sie deutsch in französischer Sprache.59
23Während alle übrigen Nationaldichter — unter denen kein Franzose rangiert — in ihrem gattungsästhetischen Partikularismus befangen bleiben, vermag Goethe sie durch seine monumentale persona zu überragen und die bloße ästhetische Sphäre vitalistisch zu transzendieren:
Shakespeare ist der Genius des Dramas, wie Litaipe der der Lyrik, Dostoewski der des Romans, Homer der des Epos, Dante der der Allegorie. Aber sie alle überragt ein Deutscher: Goethe, dessen Leben selbst das vollkommenste Dichtwerk war, das je gelebt wurde. 60
24Abschließend lässt sich daher festhalten, dass die Bilanz der expressionistischen Bezugnahmen auf Goethes Weltliteratur-Konzept eine grundsätzliche Ambivalenz spiegelt. Sie bezeugt zum einen das Bemühen, die zerrissenen Fäden der avantgardistischen Dialogizität neu zu knüpfen und Goethes Weltliteratur-Kategorie pazifistisch zu aktualisieren. Andererseits dokumentiert sie implizit die weiterhin dominante Rolle der nationalen Diskurse, welche gerade auch in der Nachkriegszeit selbst die transnationalen Konzepte der Avantgarde im nationalen Sinne färbten.

